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Tafelberge in Venezuela -

Trekking über dem Dschungel

 

Aufmacher:

 

"Was hältst Du von Venezuela - Trekking auf die Tafelberge? Ist ´ne Pilotreise. Wir brauchen jemanden, der Erfahrung mit so was hat ..."

 

Da gibt es nicht viel zu Überlegen. Ich nehme das Angebot meines Lieblingsreiseveranstalters an, im November eine Trekkinggruppe dort zu führen.

 

Die Tafelberge, von den Indianern Tepuis genannt, sind einmalig auf unserem Planeten. Das Gebiet ist sehr abgelegen, wenig erforscht. Man stelle sich den endlosen Urwald vor, der das Amazonasbecken und das Hochland von Guayana überzieht - wie ein riesiger Ozean. Und wie Inseln aus einem Ozean ragen die Tepuis steil und mächtig aus dem Dschungel heraus.

 

Gipfel sind von unten nicht auszumachen. Es scheint, als seien die Tafelberge oben flach wie ein Tisch. Die höchsten Stellen liegen zwischen 2000 und 3000 Meter über dem Meeresspiegel, und über die steilen Wände stürzen Wasserfälle über 1000 Meter senkrecht in den Urwald hinab.

 

Der Sandstein der Tepuis gehört mit über einer Milliarde Jahren zu den ältesten der Erde. Am geheimnisvollsten ist die Pflanzenwelt. Durch die lange Isolation auf den Hochflächen haben sich viele Arten im Laufe der Erdgeschichte ganz anders entwickelt als ihre Verwandten im Amazonastiefland.

 

Und das ist die größte Herausforderung der Tour: Den Dschungel und die Steilwände zu meistern und den einzig möglichen Weg hinauf zu finden.


Text:

 

Anfang November, als in Deutschland der Winter einbricht, geht es los. Ich treffe die zwölfköpfige Trekking-Gruppe in Frankfurt am Flughafen, sympathische Frauen und Männer im Alter zwischen 29 und 67 Jahren. Wir fliegen über Caracas nach Ciudad Bolívar am Orinoco.

 

Eine Pilotreise steckt immer voller Überraschungen ... aber muss das gleich von Anfang an losgehen?

 

In der geschichtsträchtigen kolonialen Innenstadt und den wuchernden neuen Vororten wohnen 300.000 Venezuelanos, Nachfahren von Indianern, europäischen Kolonialherren und afrikanischen Sklaven. Der spanische Handelsplatz wurde mehrfach von Piraten zerstört und zwei Mal an neuer Stelle wieder aufgebaut.

 

Das Dunkel der Geschichte beunruhigt uns bei der Ankunft am späten Abend weniger als die dunkle Gegenwart. Es ist Stromausfall, auch am Flughafen. Und wer hat auf einem Flug schon eine Taschenlampe im Handgepäck?

 

Irgendwie finden wir im Scheinwerferkegel unseres Flugzeugs die Ankunftshalle und das Gepäckband. Aber ohne Strom regt sich da nichts. Also, ich gehe mal los mich durchfragen, wie wir an das Gepäck kommen. Aber wie findet man im Dunkeln in einer Menschenmenge jemanden, der das weiß?

 

Gar nicht so schwer: Man fragt den Einzigen, der eine Taschenlampe hat! Und den erkennt man sofort - wie ein Glühwürmchen in dunkler Nacht.

 

Unser Gepäck wird von der Maschine direkt auf einen Lastwagen geladen, und der fährt damit erstaunlicherweise auf den Parkplatz vor dem Flughafen, der ebenso stockdunkel daliegt wie die Ankunftshalle. In Windeseile füllen Massen von Fluggästen, Abholern und Neugierigen die schmalen Räume zwischen den parkenden Autos. Die Hälfte des Gepäcks liegt schon auf dem Parkplatz, die andere Hälfte noch auf der Ladefläche des Trucks. Jeder versucht, aus den beiden Gepäckbergen sein persönliches Stück herauszuziehen. Warum sind eigentlich drei Viertel aller Koffer und Reisetaschen schwarz?

 

Irgendwann hat jemand die erste Taschenlampe aus seinem Rucksack geborgen, und alles geht zunehmend leichter. Noch ein bisschen Handeln - "tausche deinen Rucksack gegen meinen" - und endlich steht jeder von uns neben seinem Bündel.

 

Jetzt ab ins Hotel, bevor die Ersten im Stehen einschlafen. In Mitteleuropa ist es jetzt schon fast vier Uhr morgens.

 

Nach einer viel zu kurzen Nacht in einer kleinen Posada, einer ehemaligen Kolonialvilla, geht es wieder zum Flughafen. Drei kleine Cessnas warten, zusammen gerade ausreichend für 13 Menschen mit Trekkinggepäck. Der Proviant, die Zelte und die Küchenausrüstung sollen mit einer vierten Maschine von der brasilianischen Grenze eingeflogen werden.

 

Zunächst läuft Alles wie geplant. Der Flug ist ein Erlebnis. Die kleinen Flugzeuge fliegen sehr niedrig, die Aussicht auf den Orinoco und die Savanne ist großartig. Weiter im Süden überfliegen wir dann nur noch dampfenden dunkelgrünen Regenwald. Die Flüsse, die man von oben erkennt, sehen aus wie unregelmäßige Pinselschwünge in einem Gemälde. Die aus den Bergen Kommenden sind hellbraun, die Dschungelflüsse schwarz. Wo sie ineinander münden, mischen sich die Farben zu abstrakten Bildern.

 

Plötzlich taucht der erste Tepui auf. Steile Sandsteinwände begleiten unsere Flugroute. Wie sollen wir da jemals rauf kommen? Die Hochfläche - weit über uns - sehen wir nicht. Sie hält sich unter einem Wolkenschleier verborgen, der wie eine Daunendecke auf den Plateaus liegt. Aus den Wolken stürzen Wasserfälle senkrecht in die Tiefe und verschwinden im grünen Laubteppich. Ursprung und Ziel der weißen Gischt sind nicht zu sehen.

 

Nach eineinhalb Stunden liegen zwei Reihen alter Ölfässer auf einer Wiese. Die Landepiste von Uruyén. Daneben ein Dutzend mit Palmblättern gedeckte Lehmhütten, ein kleiner Fluss. Am Fuß des größten Tafelberges, des Auyan Tepui, greifen Savanne und Dschungel ineinander. Weite Ebenen sind mit Gras bedeckt, Hügel und Berge bewaldet.

 

Die Piloten rollen mit den drei Cessnas direkt vor die Hütten, wie man anderswo sein Auto vor die Garage fährt. Alle haben den Flug genossen. Trotzdem sind Einige froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.

 

Während wir uns in einer Hälfte der Hütten einrichten, heben die Miniflugzeuge wieder ab. Jetzt fehlt nur noch die vierte Maschine mit unserem Proviant.

 

Den ganzen Nachmittag warten wir vergebens. Irgendwann dämmert es, und wir müssen das Abendessen improvisieren. Enrique, der "Hotelier" von Uruyén, hat noch ein paar Nudeln und Thunfisch. Für das Frühstück besorgt er etwas im nächsten größeren Dorf. Dafür läuft er vier Stunden zu Fuß. Straßen und Fahrzeuge gibt es hier nicht. Wir sehen ihn erst am nächsten Morgen wieder.

 

Enrique sehen wir wieder, und auch die Begleitmannschaft für das Trekking ist gekommen. Aber das fehlende Flugzeug nicht. Eigentlich wollten wir schon unterwegs sein.

 

Also grabe ich das Satellitentelefon aus meinem Rucksack und versuche mein Glück. Das Gute am Satellitentelefon ist, dass man theoretisch damit überall auf der Welt telefonieren kann, unabhängig vom Mobilfunknetz. Das Problem ist, die zur Kommunikation nötigen Satelliten zu empfangen. Ich suche eine freie Stelle in der Savanne mit rund herum niedrigem Horizont. Trotzdem dauert es den halben Vormittag, bis ich Kontakt bekomme.

 

Nach mehreren Telefonaten stellt sich heraus, dass der Pilot - warum auch immer - Ausrüstung und Proviant auf einer anderen Dschungelpiste abgeladen hat, in Kavac. Da steht das Zeug jetzt rum.

 

Glücklicherweise ist Kavac nur drei bis vier Stunden Fußmarsch entfernt. Ich teile unsere Begleitmannschaft, 18 Indígenas vom Volk der Pemón (das Wort Indio oder Indianer hört man hier nicht so gern), auf. Der Chef der Gruppe und sieben Träger brechen mit uns auf. Die anderen zehn Pemón ziehen Richtung Kavac los, Proviant und Ausrüstung zu holen, und uns abends im ersten Camp wieder zu treffen.

 

Endlich beginnt der Trek. Die Sonne brennt, die Luft ist feucht. Wir ziehen durch die ebene Savanne zum Fuß des Auyan Tepui. Die Regenzeit ist noch nicht lange vorbei, daher sind weite Flächen versumpft. Immer wieder müssen wir den größten Matschlöchern ausweichen, aber auch auf den besten Routen ist der Schlamm knöcheltief. Nach ein paar Kilometern sehen wir aus wie Schweine nach dem Suhlen.

 

Bevor wir die erste Steigung erreichen, müssen wir zwei Flüsse durchqueren. Wir ziehen die Bergschuhe aus, und unsere indianischen Begleiter ihre Gummistiefel. Das Wasser ist warm, aber das grobe Geröll ist in der starken Strömung schmerzhaft für die Füße.

 

Hinter dem zweiten Fluss machen wir Mittagspause. Es gibt wieder Nudeln mit Thunfisch. Ein Dschungeltrekking ist eben kein kulinarisches Vergnügen, aber es schmeckt gut und wir werden satt.

 

Bald nach der Pause erreichen wir die erste Steigung. Die Tafelberge sind an ihrem Fuß stufenförmig aufgebaut. Steile Anstiege und weite Ebenen wechseln sich den ganzen Nachmittag ab. Die Steigungen sind felsig und mit Grasbüscheln und Büschen durchsetzt. Große Gras- und Sumpfflächen prägen die Ebenen, die immer wieder mit Bäumen und kleineren Wäldern aufwarten. Überall liegen große Sandsteinblöcke, wie von Riesen verstreut. Am Ende der Trockenheit, wenn die Savanne verdorrt und die Sümpfe ausgetrocknet sind, scheint es hier oft zu brennen - verkohlte Stämme und Pflanzenreste belegen das.

 

Nach jedem Steilanstieg stehen wir wieder an der Kante einer Stufe. Von hier blickt man über die endlose Ebene, aus der wir gekommen sind. Weit und breit keine Spur von Menschen oder Dörfern.

 

Weit und breit auch keine Spur von den Trägern mit unserem Proviant. Dabei ist es schon spät. In den Tropen gibt es kaum Unterschiede in den Tageslängen. Die Sonne geht gegen sechs Uhr auf und auch etwa um sechs Uhr wieder unter. Ich mache mir langsam Sorgen. Im Hellen werden es die Träger nicht mehr schaffen, und im Dunkeln sind die Aufstiege schwierig und gefährlich. Hat es schon wieder ein Problem gegeben?

 

Es fängt an zu regnen. Nach dem Morast, der Hitze und der völlig durch geschwitzten Kleidung kommt Manchem der Regen wie ein Segen vor. Für die Meisten ist er aber ein weiteres Ärgernis. Man könnte ja Regenkleidung anlegen, aber dann stirbt man an Hitzschlag. Fehlen jetzt eigentlich nur noch die Moskitos, die sich aber bisher erstaunlicherweise zurückhalten.

 

Wir erreichen das Lager eine knappe Stunde vor Sonnenuntergang. Ein Stück Savanne schiebt sich hier wie eine kleine Bucht in den Wald vor. In Guayaraca, so nennt sich dieser Platz, finden wir zwei mit Palmblättern gedeckte Dächer auf Holzpfosten. Daran befestigen die Pemón ihre Hängematten. Der Regen hört auf, die Sonne lässt sich noch mal blicken, und einige nehmen ein Bad im Fluss.

 

Die Landschaft ist traumhaft, die Stimmung nach dem Bad ist gut. Jetzt noch ein paar Zelte und etwas zum Abendessen ... dann wäre Alles perfekt! Aber vorerst teilen wir uns unter dem Palmwedeldach nur ein paar Kekse und Müsliriegel. Wenn die Ausrüstung und der Proviant nicht kommen, haben wir ein Problem.

 

Acht Uhr. Es ist schon seit zwei Stunden dunkel. Die Stimmung fällt, die Besorgnis steigt. Doch plötzlich - oder ist das eine Täuschung? - zittert ein schmaler Lichtkegel durch den Wald. Er kommt aus der Richtung, aus der wir die Pemón erwarten. Dann können wir die erste Gestalt ausmachen. Es sind die Träger. Schwer beladen haben sie sich in der Dunkelheit durch den Sumpf, den Urwald und über steile Hänge gekämpft. Fast Alle sind heil durchgekommen, aber ein junger Indigena ist gestürzt. Er hat Schmerzen am rechten Arm und Bein. Es stellt sich heraus, dass nichts Wesentliches verletzt ist. Trotzdem sind seine Prellungen sehr schmerzhaft.

 

Während ich den gestürzten Träger untersuche, bauen die Anderen die Zelte auf und bereiten das Abendessen zu. Erleichterung ist bei Allen spürbar. Das morgige Frühstück ist gesichert, und an Stelle der Sorgen um Träger und Ausrüstung tritt die Vorfreude auf den nächsten Wandertag. Jetzt kann auch der erneut einsetzende Regen die gelöste Stimmung unter dem Palmdach nicht mehr dämpfen.

 

Der Morgen dämmert, die Nacht war nass. Die Ebene steht unter Wasser, in den Vorzelten ist Alles überschwemmt. In den Zelten selbst sind die meisten einigermaßen trocken geblieben.

 

Frühstück. Wir hoffen, dass der Regen bald aufhört. Wir wissen noch nicht, dass das bis abends so weiter gehen wird. Und das nennt sich dann Trockenzeit!

 

Wir starten trotzdem. Mit der Gewissheit, dass es mittags und abends etwas zu Essen gibt, läuft es sich trotz Regen und Nebel wesentlich leichter. Auch wenn sich die Fußspuren heute anfangs nur durch Schlamm und Überschwemmungsflächen ziehen und oft kaum zu erkennen sind. Aber unsere indianischen Führer kennen die Richtung. In der Steilwand des Tafelberges gibt es nur eine einzige Stelle, über die man zu Fuß mit einigen Klettereien die Hochfläche erreichen kann. Und auch wenn wir uns wie Pioniere vorkommen so weit weg von jeder menschlichen Behausung, wir sind nicht die Ersten, die diesen Weg nehmen.

 

1937 landete der etwas durchgeknallte amerikanische Buschpilot Jimmy Angel mit einer kleinen Propellermaschine auf der Hochfläche des Auyan Tepui. Was er für einen guten Landeplatz hielt, entpuppte sich als Sumpf. Die Maschine blieb stecken, und ein erneuter Start war unmöglich. So blieb ihm nichts Anderes übrig, als sich zu Fuß einen Weg zurück in die Menschenwelt zu suchen. Dabei entdeckte Angel die Route, über die heute immer mal wieder kleine Bergsteigergruppen den Tafelberg erklimmen. Nach elf Tagen erreichte er ein Dorf. Sein Flugzeug blieb noch 33 Jahre auf dem Plateau, bis es von der venezolanischen Armee geborgen wurde.

 

Aber wir sind in der Gegenrichtung unterwegs. Die steilen Anstiege nehmen zu. Am Weg wachsen wilde Ananas. Fast unmerklich verschwinden die Savannen. Dichter Urwald überzieht jetzt Hänge und Ebenen. Das erschwert das Vorwärtskommen immer mehr. Nach dem Morast müssen wir jetzt über Wurzeln und umgestürzte Bäume klettern. Es geht auf und ab, über Flüsse und Felsen. Der Pfad ist mit der Machete schnurgerade durch den Dschungel geschlagen. Die Spur gönnt sich nicht den Luxus von Serpentinen. Wenn es steil wird, klettert man geradewegs nach oben.

 

Unter dem dichten Blätterdach ist es ziemlich dunkel. Nur selten öffnet sich ein Spalt, durch den man etwas mehr sieht als die unmittelbare Umgebung. Alles ist feucht und warm, grün und braun. Merkwürdige Wurzeln, manche sehen aus wie Schlangen, stützen die Baumriesen.

 

Unter einem Felsvorsprung legen wir Rast ein. Hier sind wir gut vor dem Regen geschützt. Das Trinkwasser nehmen wir direkt aus den Flüssen. Durch die typische braune Farbe der Dschungelflüsse sieht es aus wie Tee. Aber das Wasser ist gut. Auch das Essen schmeckt. Die Vorräte sind erstaunlich vielseitig. Sogar eine Flasche Rotwein und ein paar Tüten Chips tauchen aus einem Sack auf - aber gleich wieder rein damit. Die teilen wir morgen zur Belohnung, wenn wir unser Ziel, die Hochfläche, erreicht haben!

 

Nachmittags führt unser Trek durch einen mystischen Wald aus Farnen und Gummibäumen. Der immer dichter werdende Nebel dämpft alle Geräusche, selbst das Schmatzen der Schuhe im Schlamm wirkt fast gemütlich. Er verstärkt das Gefühl, durch eine Phantasiewelt zu schweben. Als der Nebel aufreißt, blicken wir überrascht auf die Steilwand des Tafelberges und den darüber gespannten blauen Tropenhimmel. Wir stehen schon nahe vor der letzten Steilstufe. Einzelne Türme ragen vor der Stufe auf, und riesige Felsplatten lehnen an der senkrechten Wand. Zwischen diesen Platten und Türmen muss sich die einzige Besteigungsroute durchschlängeln. Aber das werden wir morgen erkunden.

 

Das heutige Nachtlager schlagen wir unter einer riesigen abgestürzten Felsplatte auf. Diese Stelle nennt sich El Peñon, der Fels. Platz für Zelte bietet der umgebende Dschungel kaum, daher rollen wir unsere Isomatten und Schlafsäcke auf der Sandfläche unter dem Felsvorsprung aus. Das ist wie Schlafen am Strand.

 

Unsere einheimischen Begleiter schneiden armdicke Pflöcke aus dem Dschungel und verkeilen sie zwischen Sandstrand und Felsdach, um daran ihre Hängematten zu befestigen. Wie schlafende Fledermäuse baumeln sie in der Nacht über unserem Proviantlager.

 

Zwischen den Wipfeln der Bäume und der Kante unseres Felsdaches hindurch sieht man nur ein kleines Stück des Himmels. Aber dieses Stück verwöhnt uns schon in der klaren Nacht mit einer unglaublichen Menge an Sternen.

 

Noch eindrucksvoller wird der Tagesanbruch. Die aufgehende Sonne bemalt erste vereinzelte Wolkentürme mit warmen Rot- und Rosatönen. Vor dem blauen Himmel wirken die Silhouetten der Urwaldbäume wie ausgeschnitten und aufgeklebt.

 

Wenn das kein gutes Zeichen ist! Heute ist der entscheidende Tag! Heute müssen wir die schwierigsten Kletterstellen überwinden, und heute erreichen wir unser Ziel, das Dach des Tafelberges - wenn die Götter uns gewogen sind.

 

Beim Frühstück macht sich freudige Erwartung breit, gedämpft durch das Wissen um die Strapazen, die uns heute erwarten.

 

Und der Tag hält, was er verspricht. Schon wenige Meter oberhalb des Nachtlagers muss ich zum ersten Mal das Seil auspacken. Das Wetter ist besser als gestern, aber die Felsen sind noch nass und glitschig. Für versierte Kletterer ist das kein großes Problem, aber in einer so abgelegenen Region ist Sicherheit erstes Gebot.

 

Steil geht es bergauf, über Felsen, die aus der Steilwand herabgestürzt sind und sich am Fuß der obersten Stufe aufgetürmt haben. Immer wieder muss das Seil ran. An einigen Stellen hängen sogar noch alte Stricke von anderen Tafelbergbesteigern. Nicht alle wirken besonders Vertrauen erweckend.

 

Der Aufstieg kostet Zeit. Zwölf Trekker, 18 Indigenas und ich müssen nacheinander sicher über jedes einzelne Hindernis hinwegklettern. Das geht nur, indem Einer dem Anderen hilft.

 

Langsam nähern wir uns der Basis der letzten Stufe. Direkt am Fuß der Steilwand ist der Boden trocken und sandig. Der Blick nach oben verrät, dass die Wand über hängt, und den Regen abhält. Überall klebt Kot von wilden Tauben, die in den Höhlen der Steilwand trockene und sichere Brutplätze gefunden haben.

 

Linker Hand öffnet sich ein breiter Spalt zwischen der Felswand und einem vorgelagerten Turm. Der Blick hinein ist großartig. In den Spalt sind von oben Felsbrocken hineingestürzt, teilweise sind sie so groß wie Häuser. Sie bilden eine unregelmäßige Treppe, die wohl eher für Riesen geplant wurde. Wir müssen jede einzelne Stufe mühsam erklimmen, bis wir nach der obersten irgendwann die Hochfläche des Berges betreten werden.

 

Kaum sind wir in den Spalt eingestiegen, ändert sich Alles. Die hohen Bäume verschwinden, zwischen den Felsbrocken ragen Palmen, Farne und Bromelien hervor. An allen Seiten steigt der Fels in den Himmel, von dem wir nur noch ein winziges Stück hoch über uns erkennen können. Auf und ab geht es über die Felsbrocken, teilweise auch durch tiefe Höhlen unter ihnen hindurch. Wir kommen uns vor wie Frodo und seine Mitstreiter beim "Herrn der Ringe". Warum hat man den Film eigentlich nicht hier gedreht? Wahrscheinlich ist noch kein Hollywood-Scout in diese Einsamkeit vorgedrungen.

 

Mittlerweile regnet es wieder. Die erste Schlüsselstelle liegt vor uns. Eine sechs Meter hohe Wand versperrt den Weg. Die einzige Möglichkeit, sie zu überwinden, bietet ein Spalt, der sich von rechts unten nach links oben diagonal durch den glatten Felsen zieht. Der Spalt ist so eng, dass sich ein Mensch gerade so eben hineinzwängen kann - aber nicht mit Rucksack. Durch den schmalen Gang schlängeln wir uns wie Regenwürmer im Boden aufwärts, während die Kameraden oben ziehen und unten schieben. Mühsam arbeitet sich Einer nach dem Anderen hinauf. Das Gepäck wird anschließend am Seil hinterher gezogen.

 

Das nächste Problem ist ein würfelförmiger Brocken von gut zwei Metern Kantenlänge, der zwischen zwei V-förmig zusammenlaufenden Felswänden klemmt. Es ist nicht ganz leicht, die beiden glatten steilen Wände hinauf zu steigen. Um den Felsblock herum und weiter hinauf geht es wieder nur mit Hilfe der Kollegen und des Seils.

 

Nach jedem Hindernis, nach jeder konzentrierten Kletterei, nimmt die einzigartige Kulisse die Sinne wieder von Neuem gefangen. Ich habe schon oft gehört, dass sich Menschen in den Bergen winzig vorkommen. Jetzt kann ich das richtig spüren. Wie wir uns hier zwischen den Felsbrocken hindurch zwängen, über sie hinüber krabbeln und unter ihnen durch wühlen, so müssen sich in den heimischen Alpen die Murmeltiere fühlen.

 

Das letzte große Hindernis taucht auf. Wir steigen in eine Höhle, die sich unter einem Haufen von Felsbrocken gebildet hat. Hier braucht man fast eine Taschenlampe. Den Ausgang erkennen wir erst, als wir direkt drunter stehen: ein Loch in der Höhlendecke, sieben Meter über uns. Glücklicherweise hängt hier schon ein Seil. Ich klettere vorsichtig voraus und prüfe die Festigkeit. Um zum Ausgang zu gelangen, stemme ich mich mit beiden Füßen gegen die Höhlenwand, und hangele mich am Seil hinauf. Eigentlich gar nicht so schwer, wenn man dem Seil vertrauen kann und genug Druck auf die Sohlen bekommt. Ich schlinge oben zur Sicherheit noch einen zweiten Knoten um einen Baumstamm und gebe das Seil frei. Dann taucht die Gruppe, Einer nach dem Anderen, wie eine Reihe von Bergleuten aus dem Inneren der Erde auf.

 

Noch drei Schritte und wir haben unser Ziel erreicht! Wir stehen wirklich auf dem Tafelberg! Die Türme vor der Steilwand ragen wie riesige Geister aus der Nebelwand heraus. Durch die Risse und Spalten in der zerfurchten Kante scheint der Nebel wie mit großen Fingern nach uns zu greifen. Er missgönnt uns wohl unseren Erfolg und will uns wieder herunterzerren, aber hier oben löst die Sonne alle Schwaden sofort auf.

 

Die Landschaft ändert sich abrupt, doch die Atmosphäre bleibt märchenhaft unwirklich. Wir stehen auf einer Fläche, die vor über einer Milliarde Jahren Meeresboden war. Und wie auf dem Meeresboden sieht es hier an vielen Stellen immer noch aus. Weite Gebiete sind eben, mit flachen Mulden besetzt, in denen Wasser steht. Das Spiegelbild des Himmels in diesen Pfützen wirkt blauer, als der Himmel selbst. Die Pflanzen sind in Formen und Farben so fremdartig, dass sie von einem anderen Planeten stammen könnten. In Wirklichkeit haben sie sich seit Millionen von Jahren an die besondere Situation auf dem Tafelberg angepasst. Die steilen Wände rundherum haben sie von der typischen Flora des Tropenwaldes abgeschnitten, so dass sie sich ungehindert zu ihren heutigen Formen entwickelten.

 

Viele Vertreter der Pflanzenwelt hier oben sind Carnivoren, Fleischfresser. Die felsige Hochfläche ohne richtigen Boden bietet wenig Nährstoffe. Diese werden daher in Form von Tieren aufgenommen. Viele Blüten bilden lange Trichter, an deren Grund eine klebrige Masse mit betörendem Duft Insekten anlockt. Einmal mit der Substanz in Berührung gekommen, verklebt sich das Opfer immer weiter, versinkt und wird langsam verdaut.

 

Wir begnügen uns derweil mit Brot und Käse. Alle sind glücklich, heil oben zu sein. Niemand hat jemals vorher etwas Ähnliches gesehen. Die größten Schwierigkeiten liegen hinter uns, und zur Feier des Tages gibt's für jeden eine Dose Bier.

 

Und noch etwas ändert sich: das Wetter. In den nächsten Tagen scheint die Sonne.

 

Der Platz, an dem wir übernachten heißt El Oso, der Bär, nach einem verwitterten Sandsteinbrocken, der mit seinen abgerundeten Formen aussieht wie ein Gummibärchen. Auch hier schlafen wir wieder unter einer Felsplatte auf Sandstrand. Passend dazu kreist die Flasche mit dem Rotwein. Die Strapazen der letzten Tage sind vergessen.

 

Einen Tag bleiben wir auf dem Tafelberg und gönnen uns vor dem Abstieg etwas Entspannung. Wir spazieren auf der Hochfläche herum wie auf einem fremden Stern. Die Fläche ist von tiefen Rissen wie von Gletscherspalten zerfurcht, und an vielen Stellen liegen große Felsblöcke oben drauf. Ganz ohne Klettern kommen wir auch hier nicht weit.

 

Auf dem Tepui gibt es mehrere Flüsse. Einer von ihnen speist den höchsten Wasserfall der Erde. Etwa ein Kilometer freier Fall liegt hinter einem Wassertropfen, bevor er am Fuß des Salto Angel in eine Gumpe plumpst. Tausend Höhenmeter weiter oben genießen wir das warme Wasser zum Baden, und um unsere verdreckte Kleidung wieder auf Vordermann zu bringen.

 

Schneller als erwartet kommt die Zeit, Abschied vom Auyan Tepui zu nehmen. Der Rückweg verläuft bei gutem Wetter mehr oder weniger reibungslos. Wir erreichen nach insgesamt sechs Trekkingtagen wieder Uruyén. Enrique begrüßt uns wie alte Bekannte.

 

Die letzten Tage haben uns zusammengeschweißt. Das befriedigende Gefühl, gemeinsam etwas Großartiges geschafft zu haben, prägt den Abend, aber der Abschied von unseren Trägern fällt sehr schwer. Wir haben Freunde gewonnen, die die meisten von uns nie wieder sehen werden.

 

Für unsere Trekkinggruppe ist die Reise noch nicht zu Ende. Die Cessnas holen uns am nächsten Morgen ab. Wir fliegen um den  Auyan Tepui herum nach Canaima, einer traumhaften Lagune mitten im Urwald. In den folgenden Tagen unternehmen wir eine Tour mit Einbäumen auf Dschungelflüssen. Wir wollen den Fuß des Salto Angel von der anderen Seite erreichen, aber das ist eine andere Geschichte ...


Zitate:

 

1. Eine Pilotreise steckt immer voller Überraschungen ...

2. Überall liegen große Sandsteinblöcke, wie von Riesen verstreut.

3. Ein Felsvorsprung bietet uns Schutz vor Regen.

4. Einer nach dem Anderen arbeitet sich den Felsen hinauf.

5. Die Türme ragen wie Geister aus dem Nebel heraus.