Gedanken über die Motivation zu Trekkingtouren

Wandern - Trekking - Radfahren - Kanutouren

Text: Jürgen Kipfer, Fotos: TrekkingGuide.de

(Letzte Änderung: 22.11.2011 )

Trekking-Touristen in Mustang

Über die Motivation zum Trekking
Wandern zum Seitenanfang

... von Jürgen Kipfer

"In den Höhen des Himalaya kannst Du einen eigenartigen Markt finden: Du kannst dort den Wirbel des Lebens gegen grenzenlose Ruhe und Zufriedenheit eintauschen." Diese Worte von Milarepa gelten heute noch genau so, wie vor tausend Jahren, als der grosse Dichter lebte.

Kali Gandaki Tal, NepalWas zieht einen Trekker eigentlich in die Berge? Warum nimmt jemand freiwillig tagelang die Strapazen von langen, ruppigen Aufstiegen auf sich? Der Schweiss dringt aus allen Poren, die Riemen des Rucksackes schneiden ein und scheuern auf der Haut, zusammen mit dem schweiss-getränkten T-Shirt. Und dann die grossen Höhen, wo die Luft schon sehr dünn ist und der Atem schwer und schwerer geht, und der Kopf bei jedem Pulsschlag schmerzt.

Und erst die Nächte. Sie sind ein Albtraum, meist eiskalt, das Zelt auf abschüssigem, steinigem Grund. Die Schuhe sind morgens Stein und Bein gefroren, der nahe Bach mit einer Eisschicht überzogen, die Morgentoilette reine Abhärtung.

Und für das gleiche Geld könnte man seinen Urlaub auch auf Hawaii in einem Luxus-Hotel verbringen!

Aber jedes Jahr fahren wir wieder zum Trekking. Und eines Tages wurde es uns auch klar, warum: Ja, die Tage sind anstrengend, aber oft sind sie auch traumhaft. Die Ruhe, die Luft - auch wenn der Atem manchmal schwer geht - und das Licht, welches in dieser Höhe viel reiner ist als unten im Tal, entschädigen einem für alle Mühen. Doch auch die Nächte können reizvoll sein, wenn man nur den Mut hätte, aus dem warmen Schlafsack zu kriechen und sich nachts den Sternenhimmel anzuschauen! Kein falsches Licht stört. Man hat den Eindruck, als gäbe es hier tausend mal so viele Sterne, wie zuhause.

Das Leben findet draussen statt, und Du kannst nur das richtig erleben, was Du erlaufen hast. Trekking, das ist Höhen-Bergwandern, und in den Höhen des Himalaya kreisen aufgrund der dünneren Luft Deine Gedanken leichter, unbeschwerter; Du kommst Dir selber näher, Du absolvierst sozusagen ein geistiges Fitness-Training. Dazu kommt die Bewegung in der freien Natur, die einfache aber gepflegte Trekking-Küche, das anregende Zeltleben und die vielen interessanten Begegnungen mit Einheimischen.

Unserer westlichen Welt fehlt die Ruhe und die Zeit. Alles geht viel zu schnell, doch immer noch zu langsam. Wir rasen mit dem Auto oder mit dem Zug durch die Landschaft und haben keine Zeit, irgendwelche Eindrücke auf uns wirken zu lassen. Keine Einzelheit bleibt hängen von dem, was wir zu sehen glauben, und so entsteht meist ein nur sehr oberflächliches Bild. Wer die Welt sehen will, muss zu Fuss gehen.

Wir hören das feine Zirpen der Grillen oder das liebliche Vogelgezwitscher nicht mehr, weil unsere Umwelt mit Lärm erfüllt ist. Unser Geruchssinn ist durch den allgemeinen Gestank schon so sehr abgestumpft, dass wir gar nicht mehr wissen, wie gut frische Luft riechen kann. Hier oben in den Bergen ist Ruhe, die Luft ist sauber und man hat Musse, auch mal ganz sich selber zu sein.

Es gibt zwei prinzipielle Gründe für das Höhen-Trekking : Die eher geistig / seelische und die körperliche Herausforderung. Da Motivation auch die körperliche Leistungsfähigkeit sehr stark steigern kann, reduziert sich die Herausforderung auf die geistig / seelische Ebene.

Drei Punkte sind meines Erachtens von Belang:

1. Die Herausforderung durch die Gruppe

2. Die Herausforderung durch die fremde Kultur

3. Die Herausforderung durch den Berg

Wir wollen uns diese drei Punkte etwas näher anschauen :

1. Die Gruppe. Wenn man sich am Flughafen beim Abflug trifft, kennt man sich noch nicht. Man hat auch gar keine grosse Zeit, sich kennenzulernen, ist aber aufeinander angewiesen und muss deshalb schnell miteinander auskommen. Dies ist allerdings nicht immer einfach, denn in jeder Gruppe hat es Leute, die Hervorragendes geleistet haben oder hervorragend sind. Als gewöhnlicher Mensch hat man es da in den ersten Tagen etwas schwer. Aber man hat ja ein gemeinsames Interesse, nämlich das Trekking oder eventuell auch einen Berg, und das bewirkt, dass man sich innerhalb der Gruppe relativ rasch trifft. Im Übrigen gibt es bei jedem Trekking einen grossen Gleichmacher, die körperliche Anstrengung. Die kann man nur überstehen, wenn man vor dem Trekking gut und genügend trainiert hat. Und darin sind sich alle gleich.

2. Die fremde Kultur. Wir reisen normalerweise in Ländern, welche gemäss Statistik zu den ärmsten der Welt gehören und bewegen uns in einem völlig anderen, uns sehr fremden Kultur­kreis. Die Begegnung mit der fremden Kultur ist in der Tat immer eine grosse Heraus­forderung. Wie soll man ihr begegnen ? Am besten in aller Bescheidenheit und mit Verständnis, doch sind es gerade diese beiden Eigenschaften, welche uns Westlern ziemlich abhanden gekommen sind, speziell, wenn wir in diesen armen Ländern reisen. Unsere Überlegenheit ist denn auch frappant. Was wir da in unseren Tagesrucksäcken mit rumschleppen, hat materiell wahrscheinlich einen grösseren Wert, als der gesamte Hausrat eines Durchschnitts-Nepalesen oder Bhutanesen. Aber in Wirklichkeit sind wir nur ein ungebildeter Haufen! Was wissen wir schon von den grossen Mysterien dieser Länder ?

3. Der Berg, die körperliche Anstrengung. Immer wieder stellt man sich die Frage, halte ich das Trekking durch, werde ich der Gruppe nicht zur Last, komme ich auf den Berg? In der ersten Tagen ist man meist von grossen Zweifeln geprägt. Die Zeitverschiebung, der Wechsel in ein anderes Klima und die Höhe machen einem zu schaffen. So nach zwei / drei Tagen stellt man sich dann vielleicht die Frage, was mache ich hier, wieso liege ich nicht irgendwo in Hawaii an einem Strand und lasse es mir gut gehen, sondern plage mich hier mit diesen unwirtlichen Aufstiegen herum. Zu diesem Zeitpunkt, aber auch später am Berg, spielt die Motivation eine grosse Rolle. Die Kondition ist da, schliesslich hat man ja den ganzen Sommer lang trainiert, aber es ist eine Sache, die fünfhundert Meter von Hinwil auf den Bachtel zu machen, aber eine ganz andere, auf einen Fünf - oder Sechstausender zu steigen. Trotz optimaler Höhenanpassung werden die letzten hundert Meter zur schieren Qual und der innere Schweinehund sagt immerzu, was willst du da oben, lass diesen blöden Berg, wo er ist; steige hinunter und geniesse es. Aber man beisst auf die Zähne, kämpft sich wieder einige Meter nach oben, stützt sich auf die Stöcke und holt tief Luft. Und weiter geht's, bis es dann irgendwann mal nicht mehr höher geht, weil man auf dem Gipfel angelangt ist. Man hat es geschafft! Es ist ein tolles Gefühl, denn man hat es selber geschafft, ohne Hilfe einer Seilbahn oder gar eines Helikopters. Nein, man hat es selber erlitten. Und dieses Gefühl entschädigt einem für alle Strapazen, die man im Aufstieg durchgemacht hat, entschädigt einem für die vielen kalten Nächte auf hartem, steinigen Grund. Und dieses herrliche Gefühl, zusammen mit den andern schönen Erlebnissen, nicht zuletzt den Begegnungen mit vielen herr­lichen Leuten unterwegs, geben uns dann die Motivation für unser nächsten Trekking.

Wandern zum Seitenanfang