Türkei: Nomaden und Bauern in Anatolien
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Der Text beleuchtet die geschichtliche Entwicklung als Grundlagen für die heutige ländliche Struktur in der asiatischen Türkei. Daher ist er - trotz des Verfassungsdatums - immer noch aktuell.

Referat am Ethnologischen Institut Göttingen, Andreas Happe, 1987.

Inhalt

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Die Nomaden:

- Hochlandnomaden

- Bergnomaden

- Ansiedlung der Nomaden

Die Bauern:

- Binnenbesiedlung

- Yaylabauern

- ländliche Besitzstruktur

- Dorfgemeinschaft und Familie

Die Nomaden

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Die Lebensform des Nomadismus wurde erst durch die Einwanderung der Türken nach Anatolien gebracht. Eis hatte hier zwar schon vorher die Weidewirtschaft und auch die Fernweidewirtschaft gegeben, aber es wanderten wohl nur Hirten mit den Herden, nie ganze Bevölkerungsgruppen.

Die nomadische Weidewirtschaft hatte in Zentralasien, dem Herkunftsgebiet der Türkenstämme, eine alte und verbreitete Tradition. Der Nomadismus hat sich dort aufgrund der naturgeographischen Gegebenheiten entwickelt. Nutzbare Weidegebiete befanden sich weit von einander entfernt, zum Teil in verschiedenen klimatischen Zonen und Höhenstufen, und machten eine ständige Wanderung erforderlich.

In Anatolien jedoch ist die Weidewirtschaft, zumindest mit Kleinvieh, so gut wie überall möglich. Hier wurden die Menschen also nicht von der Natur gezwungen, den Nomadismus zu entwickeln. Der aus Turkestan eingeführte Nomadismus fand aber hier ausgezeichnete Entfaltungsmöglichkeiten. Auf begrenztem Gebiet konnten die Nomaden hier mehr Vieh halten. Die Gruppen wurden damit größer und mächtiger.

Die Einwanderung nomadischer Stämme nach Anatolien fand vom 11. bis zum 14. Jahrhundert statt. In mehreren Wellen sickerten sie, vor den Mongolen zurückweichend, in die heutige Türkei ein.

Die Nomaden waren in Stämmen und Teilstämmen organisiert. Bei den türkischen Stämmen spielte jedoch weniger die stammliche Genealogie die entscheidende Rolle, wie etwa bei den arabischen Nomadenstämmen, sondern das Zusammengehörigkeitsgefühl und die faktische Gemeinschaft.

Die einzelnen Stämme und Untergruppierungen sind also im Laufe der Zeit in ihrer Zusammensetzung sehr mobil gewesen. Aufsplitterung und Neubildung waren keine Seltenheit.

Der Zusammenschluss in Stämmen ist aus einer Notwendigkeit bedingt. Bei den Wanderungen der Nomaden kommt es oft zu Konflikten um Weidegebiete anderer Nomaden oder Konflikten mit bäuerlich sesshafter Bevölkerung. Zum Schutz ihrer Herden und zur Durchsetzung ihrer Wirtschaftsinteressen ist für die Nomaden eine wehrfähige Gruppe einer bestimmten Mindestgröße Voraussetzung.

Die Wehrhaftigkeit und Mobilität nomadischer Gruppen erleichtert ihnen die Verlegung ihrer Weidegebiete und die Okkupation völlig neuer Gebiete. So sind sie von zentralen Regierungen nur sehr schwer zu kontrollieren.

Hochlandnomaden

Die byzantinischen Küstengebiete waren anfangs den eingewanderten Turkstämmen noch nicht zugänglich. Vielleicht waren sie auch aus klimatischen Gründen nicht an ihnen interessiert. An die kalten Winter Inneranatoliens waren die zentralasiatischen Völker gewöhnt. Sie entwickelten ein System des Hochlandnomadismus, das höchstens die Innenseiten der anatolischen Randgebirge mit einbezog. Geschützte Becken und Täler wurden zur Winterweide mit dem Winterlager, der "Kisla", und die Hochebenen und Gebirgsbereiche wurden zur "Yayla", der Sommerweide.

Wahrscheinlich haben sich in diesem Hochlandnomadismus schon früh Tendenzen zur halbnomadischen Lebensweise gezeigt. Die neu eroberten Gebiete lagen schließlich alle im Bereich ehemaligen oder potentiellen Feldbaus, der von den Nomaden schnell zusätzlich aufgenommen wurde. Außerdem war das schwere Filzzelt der trockenen innerasiatischen Steppen im Winterregengebiet Anatoliens ungeeignet. Das Klima gab den Impuls zum Bau Fester Häuser.

So entwickelte sich ein halbnomadisches Siedlungs- und Wirtschaftssystem mit den Kislas, die zu stationären Winterweiden mit festen Siedlungen wurden, und mit den Sommeryaylas, auf denen der ganze Stamm erst weiter in Zelten, später auch in Hütten lebte (siehe Abschnitt Yayla-Bauern).

Bergnomaden

Bei weiterem Vordringen erreichten die Türkischen Stämme im 13. und 14. Jahrhundert die Küsten der Ägäis und des Mittelmeeres. Die Küstengebiete stellten eine ideale Winterweide dar, waren aber wegen ihrer Sommerhitze und Malariagefahr als Dauersiedlungsstandorte für die Turkvölker uninteressant. Hier entwickelte sich im Gegensatz zum (oben beschriebenen) Hochlandnomadismus die Form des Bergnomadismus.

Der Bergnomadismus Anatoliens erhielt sich bis in unser Jahrhundert hinein. Die politische Unsicherheit in der Geschichte des Osmanischen Reiches förderte ein Beharren auf die mobile Gesellschaftsorganisation, in der man sich in Krisenzeiten mit all seinen Habseligkeiten ins Gebirge zurückziehen konnte.

Trotz aller gesellschaftlichen und räumlichen Mobilität sind die Wanderrouten über die Jahrhunderte konstant geblieben. Die Nomaden benutzten immer die gleichen Pässe, Brücken und Furten. Diese Routen beeinflussen heute noch das Siedlungsmuster und die Neuansiedlungen zwischen Küste und Gebirge.

Während in westlichen und mittleren Taurus die nomadische Wirtschaftsform durch die Turkvölker eingeführt wurde, gab es im östlichen Taurus schon vorher Gebiete mit nomadischer Tradition. Kurdische Stämme haben schon früh die Bergweiden im Sommer genutzt, um sich im Winter in das Gebirgsvorland zurückzuziehen. Einige Faktoren, so z. B. die Nutzung des Rindes als Reit- und Tragtier, sprechen aber dafür, dass dieser ältere Nomadismus nicht die militante Mobilität der Reiterkriegervölker Zentralasiens besaß.

Im östlichen Taurus war auch die bäuerliche Konkurrenz größer als in anderen Gebirgsteilen. Auch auf dem Höhepunkt der Macht der Nomaden waren ihnen im Osttaurus die Bauern noch zahlenmäßig überlegen.

Auch die Querung der anatolischen Randgebirge durch Nomaden gab es bis im unser Jahrhundert hinein. Die hohen Vulkanberge, die nördlich der Taurusketten gelegen sind, wurden von Stämmen als Sommerweide genutzt, die an der Mittelmeerküste überwinterten. Bis zu Einsetzen des KFZ-Verkehrs hatten diese Gruppen eine zusätzliche Einnahmequelle durch den Überlandtransportverkehr über die Pässe des Taurus.

Im türkischen Schwarzmeergebiet hat sich der Nomadismus nicht sehr stark entwickeln können. Das Klima war feucht, die Bewaldung ließ nicht sehr viel Platz für Weideflächen, reizte aber andererseits zum Bau fester Häuser. Die Möglichkeit der bäuerlichen Lebensweise war hier immer gegeben. Die hier einwandernden Nomadenstämme ließen sich sehr schnell nieder und trieben höchstens noch im Sommer ihr Vieh auf nahe gelegene Bergweiden, auch Transhumans durch Lohnhirten war hier verbreitet.

Die Lebens- und Wirtschaftseinheit bei den Bergnomaden ist nicht der Stamm, sondern der Teilstamm, die Gruppe von Familien oder die Großfamilie, die zusammen wanderte und zeltete. Um die selbständige Verteidigung zu gewährleisten, durfte die Gruppe nicht zu klein sein. Andererseits findet sich vor allem im Gebirge selten ein größeres zusammenhängendes Weidegebiet, das die Herden eines ganzen Stammes ernähren kann. Die Gruppen umfassten deshalb meist 20 - 100 Einzelfamilien.

Der Häuptling der Gruppe, der Aga, war ein älterer Mann aus einer angesehenen Familie. Der Stammeshäuptling, der Bey oder Khan, war schon eher mit einer politischen Instanz zu vergleichen. Er tritt im Fall kriegerischer Auseinandersetzungen und bei Konflikten zwischen Teilstämmen in Funktion.

Lange Tradition hatte bei den Nomaden die Kleinviehzucht, vor allem mit Schafen. In Waldgebieten kamen meist Ziegen hinzu. Die Pferde waren eine Voraussetzung für die hohe Mobilität und Wehrhaftigkeit der Stämme. Das anatolische Kamel, eine Kreuzung aus dem baktrischem Kamel und dem Dromedar, war ein ideales Transportmittel im Hochland und im Gebirge.

Die Turkmenen- und Yürükenstämme des südlichen Taurusvorlandes stellten sich mit ihrer Behausung auf das gegenüber der zentralasiatischen Steppe feuchtere und mildere Klima ein. Das schwere runde Filzzelt wurde nach dem Vorbild der Araber und Kurden durch das schwarze Ziegenhaarzelt ersetzt. Dieser Zelttyp ist luftiger und leichter transportabel. Das ungewaschen versponnene und zu Bahnen gewebte Ziegenhaar ist außerdem wasserabweisend. In Ostanatolien finden wir ein nach einer Seite offenes Zelt mit drei Wänden aus Steinmauern oder Rohrmatten, die westanatolischen Yürüken benutzen Hauszelte, bei denen auch die Seitenwände aus Zeltbahnen bestehen.

Während der Winterweide haben die Bergnomaden oft zusätzlich Feldbau betrieben, z. B. Gerste, Weizen und Baumwolle angebaut. Im Fall einer Notlage, z. B. bei Herdenverlust, konnte also immer auch (vorübergehend) agrarischer Anbau betrieben werden. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts war aber die Macht der Nomaden so groß, dass sich im Kisla-Gebiet keine bäuerlichen Siedlungen halten konnten. Später brachte die bäuerliche Flächenkonkurrenz den Zwang mit sich, die Herden zerstreuter weiden zu lassen.

Im Frühjahr wurde die Habe der Familie und ein Getreidevorrat auf 3-6 Kamele geladen, und die Wanderung in die Berge begann. Da mehrere Teilstämme gleichzeitig die selben Routen benutzten,musste der Weidegang unterwegs von den Stammesführern geregelt werden. Konflikte mit anderen nomadischen Gruppen und, in jüngerer Zeit, mit bäuerlicher Bevölkerung waren auf diesen Wanderungen an der Tagesordnung. Diese Konflikte mit den Bauern gingen bis zum beginnenden 20. Jahrhundert in der Regel zu Gunsten der Nomaden aus. So konnten sich an den Wanderrouten kaum Bauern halten. Ihre Siedlungen finden wir nur in unzugänglichen Gebieten zwischen den Durchzugswegen der Nomaden. Die Kislagebiete blieben jetzt bis zum Spätherbst, von einigen kleinen Städten abgesehen, fast menschenleer.

Oft wurde vor Erreichen der Sommerweiden noch eine kurze Frühjahrsweide unterhalb der Baumgrenze eingelegt, wenn die höheren Lagen noch verschneit waren.

Die Yayla-Zeit ist die wichtigste Wirtschaftsperiode. Den Sommer über werden die Vorräte an Käse, Trockenmilch und Butterschmalz produziert und das Jungvieh aufgezogen. Einzelne Händler erscheinen zu bestimmten Terminen mit Tragtieren auf den Yaylas und geben so die Absatzmöglichkeit für die Produkte der Bergnomaden, auch für Lebend-Vieh.

Ansiedlung der Nomaden

Wie oben bereits erwähnt hat es Gründe für eine Ansiedlung der Nomaden im potentiellen Feldbaugebiet Anatoliens schon immer gegeben. Neben freiwilligen Niederlassungen aus wirtschaftlichen Gründen gab es auch mehrfach Versuche der osmanischen Regierungen zur Ansiedlung der Nomaden. Aber erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts war die militärische Macht des osmanischen Staates groß genug, die Souveränität der Nomadenstämme zu brechen, nicht zuletzt wegen der technischen Entwicklung im militärischen Bereich. Durch die gewaltsame Befriedung der Nomaden konnte sich nun die bäuerliche Bevölkerung ungefährdet über die ehemaligen nomadischen Gebiete ausbreiten, und auch Nomaden nahmen vielfach eine halbnomadische oder bäuerliche Wirtschaftsform an.

Die innenpolitische Stabilisierung und Zentralisierung der Machtverhältnisse kompensierte die Vorteile einer nomadischen Lebensweise im potentiellen Feldbaugebiet und förderte so das Sesshaftwerden der nomadischen Stämme.

Wir können auch heute noch nomadische Züge in der Siedlungs- und Agrarstruktur vieler Dörfer erkennen. Diese Dörfer sind oft, im Gegensatz zu Dörfern bäuerlicher Tradition, locker und als

Streusiedlung angelegt. Baum- und Gartenkulturen haben eine geringere Bedeutung und Ackerterrassen finden wir nur selten in Dörfern angesiedelter Nomaden. Auch die Hausformen sind einfacher und weniger aufwändig im Bau. Vor allem die oft als halbnomadisch bezeichnete Wirtschaftsform des Yaylabauerntums, die nicht nur eine vorübergehende Erscheinung, sondern eine stabile Zwischenform in Anpassung an die natürlichen Gegebenheiten darstellt, ist aus der nomadischen Tradition hervorgegangen (s. u.).

Viele der heutigen Probleme resultieren aus der nomadischen Vergangenheit, z. B. die Besitzverhältnisse. Bei den Grundbucheintragungen nahmen die Stammeschefs das Land für ihren Stamm in Besitz. Die Nachkommen dieser Chefs wurden mit der Zeit zu Großgrundbesitzern, während die einfachen Mitglieder des Stammes zu Pächtern und Lohnarbeitern degradierten. Besonders die erst spät sesshaft gewordene Bevölkerung Ostanatoliens ist von diesem Problem betroffen. Weiter westlich waren die Stämme schon früher zersplittert und die soziale Macht der Stammesfürsten gebrochen. Hier spielten allenfalls die Sippen-Agas noch eine entscheidende Rolle und der Individualbesitz der Familie war vorherrschend.

Die zuletzt angesiedelten Nomaden mussten mit den schlechteren Standorten Vorlieb nehmen, z. B. die äußeren, schlecht entwässerten Teile der Schwemmlandebenen oder dem früheren Sommerweidegebiet. Viele siedelten sich deshalb auch verstreut in Dörfern entfernter Verwandter an oder versuchten in der Stadt eine Arbeit zu finden.

Die Bauern

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Im Orient werden oft zur Klassifizierung bäuerlicher Lebensformen die Begriffe Fellachen und Kabylei angewendet. Der Fellache ist dabei der voll von einer staatlichen Macht und einem Grundeigentümer kontrollierte, oft in rentenkapitalistische Systeme eingebundene abhängige Landbewohner. Mit Kabylei (Bobek 1950) sind sippenbäuerlich organisierte Bergbauerngebiete gemeint, in die wegen ihres abgelegenen Standortes nie eine staatliche Macht kontrollierend eingreifen konnte.

Für das Bauerntum der Türkei trifft aber keine dieser beiden Bezeichnungen den Kern. Zu einer weitgehenden Fellachisierung konnte es in der Türkei nicht kommen, weil hier die enge Standortbindung wie bei den Fellachen arabischer oder iranischer Bewässerungsgebiete nicht gegeben war. Wenn der staatliche oder ökonomische Druck zu groß wurde, zog der einzelne Bauer oder die Dorfgemeinschaft einfach in ein günstigeres Gebiet, denn die Möglichkeit des Regenfeldbaus waren in der heutigen Türkei fast überall gegeben.

Typische Kabyleien gab es allerdings in den Gebirgen Anatoliens auch nicht. Dem Bauern stand ja nicht nur die staatliche Macht, sondern auch die kriegerischen Nomaden gegenüber, die die Gebirge als Standort ihrer Sommerweiden kontrollierten. Nur in wenigen Gebieten des Taurus und des Pontischen Gebirges fanden sich Rückzugsräume, in denen bäuerliche Gruppen vor staatlicher Macht und feindlichen Nomaden in Sicherheit waren. In diesem bäuerlichen Altsiedelland sind auch heute noch die Dörfer größer und dichter, die Häuser aufwändiger gebaut, der Anteil an Bewässerungs- und Baumkulturen größer. Die Bedeutung der Viehhaltung tritt in den Hintergrund.

Binnenbesiedlung

Das Verteilungsmuster, in dem sich bäuerliche Siedlungen in Berg- und Hügelregionen zurückgezogen hatten, begann sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts umzukehren. Durch die innenpolitische Stabilisierung wurden Ebenen, Becken und Täler wieder als Dauersiedelland attraktiv. Hier liegen heute die Schwerpunkte der türkischen Agrarwirtschaft.

In der Tanzimat-Reform-Zeit wurden die auf eigene Kasse arbeitenden Steuereintreiber durch besoldete Beamte ersetzt. Moderne Verwaltung und Rechtswesen, Schulwesen und Technik wurden gefördert. Besonders das neue Bodengesetz von 1858 wirkte sich auf die agrarischen Strukturen aus. Vorher hatten die Bauern nur Besitzanspruch auf Haus und Hof, nicht auf das Land, das sie beackerten, denn das gehörte dem Sultan, dem Staat. Jetzt konnten die Bauern sich die von ihnen bestellten Areale als quasi Eigentum in ein Grundbuch eintragen lassen. Lediglich die Bedingung permanenter Bebauung und das Zahlen von Steuern waren an diese Übereignung geknüpft.

Die Sicherung des Eigentums gab einen kräftigen Schub zur Investition und Intensivierung der Landwirtschaft. Durch verbessertes Straßennetz, Eisenbahnbau und Städtewachstum wurden Agrarprodukte nun auch besser absetzbar.

Die binnenländische Ausbaubewegung war also in der Türkei nicht die Folge von Bevölkerungsdruck, sondern von einer Verbesserung der innenpolitischen Situation abhängig. Die Tanzimat-Periode war die wichtigste Besiedlungsphase der Neuzeit in der ca. ¾ der heutigen Dörfer entstanden sein dürften. ln den Neusiedelgebieten finden wir viele Charakteristika:

  • - starke Durchmischung der Bevölkerung
  • - Erfahrungsmangel in der ortsspezifischen Bodenbearbeitung
  • - relative Innovationsfreudigkeit
  • - relative Größe der Ackerparzellen (wenige Erbgenerationen)
  • - häufiger Plantagen und Monokulturen

Yayla-Bauern

Die Beibehaltung der sommerlichen Bergwanderung nach dem Sesshaftwerden der Nomaden prägt den türkischen Typus des Yayla-Bauerntums. Es entstanden feste Ackerbauerndörfer, aus denen die Menschen jedoch im Sommer mit ihrem Vieh auf die höher gelegenen Almen zogen, auf die Yaylas. Die Lebensweise wird jedoch vom Ackerbau dominiert. Wegen der sommerlichen Abwesenheit baut man in erster Linie extensiv Getreide an. Aus Verteidigungsgründen, und um der Hitze der Ebenen zu entgehen, aber auch aus traditionellen Gründen wandert das ganze Dorf mit dem Vieh auf die Yayla, aber während des Sommers gehen immer wieder Gruppen von Männern in die ein bis zwei Tagesmärsche entfernten Dörfer, um nach dem Rechten zu sehen und um notwendige Arbeiten auszuführen.

Das Yayla-Bauerntum war über ganz Anatolien verbreitet. In Gebieten, in denen große Teile der bäuerlichen anatolischen Vorbevölkerung von den nomadischen Türken assimiliert wurde, oder wo die nomadischen Gruppen schon seit langer Zeit sesshaft sind, tritt die Bedeutung der Viehzucht, und damit der Yayla, zurück, der Ackerbau wird intensiver.

Ländliche Besitzstruktur

Im Gegensatz zu den orientalischen Nachbarländern dominiert in der Türkei das selbständige Bauerntum (s. o.). Die vorherrschende Kleinheit der Betriebe hat zwei Hauptursachen:

1. ... wurden die meisten Höfe zu einer Zeit angelegt, in der fast ausschließlich für die Subsistenz gewirtschaftet wurde und Marktorientierung noch keine Rolle spielte.

2. ... das Erbrecht. Nach heutigem Gesetz erben Kinder zu gleichen Teilen. Nach islamischem Recht, das heute auf dem Lande noch häufig praktiziert wird, bekommt der Sohn doppelt so viel wie die

Tochter. Die früher nicht vorhandene Landknappheit und das beschleunigte Anwachsen der ländlichen Bevölkerung führen zu einer immer weitergehenden Zerstückelung der Flächen.

Aufgrund klimatischer und edaphischer Unterschiede und verschiedener Anbaumethoden entscheidet aber in der türkischen Landwirtschaft nicht allein die Betriebsgröße über das Einkommen des Bauern.

Ein gewisser Anteil landloser bäuerlicher Familien tritt in der Türkei überall auf. Häufungen dieses Phänomens finden wir in Südostanatolien, wo wir die Handhabung der Kataster-Eintragungen dafür verantwortlich machen müssen (s.o.). Hier hatten sich nomadische Stammeschefs als Vertreter ihrer Gruppe ins Grundbuch eintragen lassen. Im Laufe der Generationen wurden sie so zu Großgrundbesitzern, und die Stammesangehörigen zu Pächtern und Landarbeitern. Südostanatolien ist heute das größte agrarsoziale Problemgebiet der Türkei.

In agrarischen Gunstgebieten Westanatoliens führte der intensive Anbau von Cash-Crops zur Zuwanderung und Ansiedlung ländlicher Arbeitskräfte, die ihren Lebensunterhalt durch saisonale Arbeitsmöglichkeiten bestreiten.

Dorfgemeinschaft und Familie

Die Verhaltensnormen der bäuerlichen Bevölkerung werden in erster Linie von der islamischen Tradition, lokalen Sitten und dem Einfluss respektierter dörflicher Persönlichkeiten bestimmt. Konflikte werden innerhalb des Dorfes geregelt. Mechanismen sind dabei öffentliche Verachtung, soziale Isolation bis hin zur bewaffneten Auseinandersetzung und Blutrache. Verwandtschaftliche Beziehungen spielen dabei eine große Rolle.

Das Ideal der Großfamilie besteht in den meisten Dörfern, auch wenn im Westen und Norden der Türkei im Regelfall die Kernfamilie den Haushalt bildet. Enge Beziehungen zwischen den Sippen werden durch Heirat verstärkt.

Macht und Einfluss einer Familie spielen im Dorf eine große Rolle. Ein einflussreiches Familienoberhaupt kann sich oft relativ leicht über staatliche Verordnungen und Gesetze hinwegsetzen, ohne dass der Übervorteilte es wagt, Anzeige zu erstatten. In letzter Zeit fügen sich viele, besonders die jungen Leute, aber nur noch widerwillig den Normen von Respekt, Konsens und Tradition.

Literatur

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Letzte Änderung: 27.10.2013