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Teil 2: Weitere Bemerkungen zur tibetischen Kultur. Romantisierung und Idealisierung, Lamaismus und Harmonie.

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Romantisierung & Idealisierung

Oft habe ich die Menschen im tibetischen Kulturkreis trotz aller traditionellen Attribute als erstaunlich offen, gut informiert und weltgewandt erlebt. Auf der anderen Seite ist aber auch die Romantisierung und Idealisierung Tibets - im Westen weit verbreitet - fehl am Platze.

Wie im Christentum, handeln auch im Buddhismus weder die Gläubigen, noch die religiösen Institutionen immer nach der eigenen Lehre. So gab es durchaus immer wieder blutige Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Klöstern, fundamentale Ungerechtigkeiten und ein feudales System, das auch von den Dalai Lamas gestützt wurde ... und die tibetischen Gläubigen sind eben auch nur Menschen.

Trotzdem liegt über den tibetisch beeinflussten Gebieten im Himalaya und in Innerasien eine unbeschreibliche Harmonie, die bisher weder durch Kulturrevolutionen, noch durch den Einfluss der westlichen Konsumgesellschaft zerstört werden konnte.

Lamaismus verstehen

LamaViele Reisende aus dem Westen versuchen, den tibetischen Buddhismus zu verstehen. Das "Verstehen" im westlichen Sinne gelingt hier aber nicht. Der Lamaismus ist nicht logisch und nicht kohärent, ist widersprüchlich und nicht in sich schlüssig. Dafür ist er vielfältig, vielschichtig, bunt, auch für Einheimische schwer durchschaubar und voller Geheimnisse. Er lehrt uns, loszulassen - auch unsere Ansprüche an Logik und Perfektion. Wer sich der Kultur Tibets nähern will, macht das lieber mit offenem Herzen, als mit offenem Gehirn.

Die Lehre Buddhas ist nur eine von vielen Quellen, aus denen der Lamaismus seine Vielfalt schöpft. Die animistisch-schamanistische Bön-Religion, die vorher in Tibet verbreitet war, ist mit buddhistischen Lehren, hinduistischen Elementen und anderen Einflüssen zu einer einzigartigen Philosophie verschmolzen. Es gibt unzählige Buddhas, Götter, Bodhisattvas, Geister oder Dämonen. Eine Versammlung aller Götter der Griechen, Germanen, Ägypter, Inkas und Azteken wäre immer noch eine überschaubare Veranstaltung im Vergleich zum Pantheon der Tibeter.

Dabei ist auch die praktische Religionsausübung sehr vielschichtig. Für den einfachen Menschen geht es darum, schützende Gottheiten auf seine Seite zu ziehen, und schlechte, schädliche fern zu halten. Dabei können Schutzgötter durchaus wild und gefährlich sein - je wilder, desto mächtiger sind sie nämlich. Religiöse Gemälde wimmeln von gruseligen Darstellungen mit blutverschmierten Äxten und Halsketten aus fahlen Totenschädeln - wie z.B. das Bild der Beschützerin Palden Lhamo, die auf einem wilden Esel durch eine See von Blut reitet, die abgezogene Haut ihres Sohnes als Sattel nutzend.

Auf der anderen Seite setzen friedfertige Buddhaabbildungen einen starken Kontrast, die nicht zum bunten Volksglauben zu passen scheinen. Für die hoch gebildeten Lamas geht es darum, durch das Studium der Schriften, tiefe Meditation und andere Praktiken Erleuchtung zu erlangen, und mit dem unendlichen Nichts zu verschmelzen.

Lama bedeutet Lehrer. Der Begriff passt in die klösterliche Prägung der Philosophie, wo das Verhältnis zwischen Lehrern, die auf dem Pfad der Erkenntnis weiter fortgeschritten sind, und ihren Schülern eine wichtige Rolle spielt.

Hier spiegelt sich die starke Betonung von Weisheit und Mitgefühl in Tibet. So ist der Dalai Lama, die höchste religiöse Instanz im tibetischen Buddhismus, die Inkarnation von Avalokiteshvara, dem Bodhisattva des Mitgefühls. Der tibetische, mitfühlende Buddhismus unterscheidet sich von anderen buddhistischen Strömungen dadurch, dass die Praktizierenden nicht nur für ihre eigene Erleuchtung leben, sondern für die Erleuchtung aller Wesen.

Harmonie

Lamayuru, LadakhWas mir immer wieder die Seele berührt, ist die offene Freundlichkeit der Tibeter, und damit meine ich auch verwandte Völker wie die Sherpa in Nepal oder die Ladakhi in Indien. Tibeter bieten eine natürliche Nähe und Gastfreundschaft, ohne je aufdringlich zu sein.

Die Menschen scheinen überwiegend mit sich im Reinen, und selbst die Ärmsten unter ihnen strahlen eine gewisse Würde aus. Selten gelingt es mir, Land und Leute einer Kultur mit einem Wort zu beschreiben, aber in den tibetischen Landen fällt mir das nicht so schwer: "Harmonie".

 

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